Statement des Regisseurs

In zahlreichen Filmen hört man den Gebetsruf, um einen muslimischen bzw. orientalischen Schauplatz zu etablieren. Dabei wird immer darauf verzichtet, den Ursprung des Gesangs, den Muezzin, zu zeigen. Sein Gesicht bleibt fast immer verborgen. Man reduziert den Gebetsruf damit auf einen Soundeffekt und bedient sich eines mystischen Klangs, der gerade durch die visuelle Abwesenheit des Muezzins bei gleichzeitiger akustischer Omnipräsenz seine dahingehende Wirkung entfalten kann. MUEZZIN ist ein Versuch, zur Dekonstruktion dieses Mythos beizutragen, der für mich symptomatisch scheint für den Zugang des Westens zum Islam.

Ich habe meine Protagonisten als sehr pragmatische Männer erlebt, die zwar mit Leidenschaft ihrer Arbeit nachgehen, sich dabei aber eher auf musikalische als auf spirituelle Aspekte berufen. Ich wollte zeigen, dass ein erweiterter Künstlerbegriff durchaus auf den Muezzin anwendbar ist. Ein individueller Stil und eine Portion Eitelkeit gehören zum guten Ton, und das in einer Gesellschaft, in der Individualismus sehr schnell als religiös verwerflicher Egoismus interpretiert wird.

MUEZZIN bewegt sich hermetisch innerhalb dieser Szene von religiösen “Musikern”, deren Ethik in Bezug auf “money & fame” erstaunlich nahe an jene “underground” Attitüde heranreicht, wie man sie auch in verschiedenen westlichen Musikszenen – vor allem im Hip Hop – findet. An der Herausarbeitung dieser Ähnlichkeiten lag mir viel. Ebenso war mir wichtig, einen Teil der Biografien der Protagonisten zu erläutern, um zu zeigen, dass vordergründig Herkunft, Tradition und Bildung und erst an zweiter Stelle Glaubensfragen bei der Berufswahl im Vordergrund standen.

Der Gebetsrufwettbewerb dient dem Film als narrativer Faden, erlangt aber darüber hinaus keine tragende Bedeutung. Große Plots werden vermieden und vorrangig mit Andeutungen gearbeitet. Ich wollte mich zu keinen Schlussfolgerungen hinreißen lassen, sondern unvoreingenommen eine Szene und deren Mitglieder portraitieren. Die Protagonisten sollten Zeit und Raum erhalten, ihren Realitäten, Ansichten und Leidenschaften Ausdruck zu verleihen und dabei ausschließlich für sich selbst sprechen.